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Post-Quanten-Kryptografie in der Industrie: Warum langlebige Anlagen Krypto-Agilität brauchen

23. Oktober 2026

Fachartikel für den Industrial Explorer: Warum langlebige Investitionsgüter Krypto-Agilität brauchen

Maschinen und Steuerungen laufen oft Jahrzehnte, ihre Kryptografie hält deutlich kürzer. Tamer Kemeröz, Vorstand der MTG AG, erklärt im Industrial Explorer, warum die Industrie jetzt auf Post-Quanten-Kryptografie setzen sollte und was Hersteller konkret tun können.

Eine Maschinensteuerung, die heute in einer Fabrik verbaut wird, kann noch im Jahr 2056 in Betrieb sein. Die Verschlüsselungsverfahren, die sie heute schützen, könnten bis dahin längst überholt sein. In unserem Fachbeitrag beschreibt Tamer Kemeröz dieses Lebensdauer-Paradoxon. Er zeigt, warum Hersteller von Steuerungssystemen, Maschinen und OT-Infrastrukturen die kryptografische Vertrauensbasis ihrer Produkte schon heute quantensicher gestalten sollten.

TK, PKI-Experte bei MTG

Warum beginnt Quantenrisiko für Industrieanlagen schon heute?

Kryptografische Verfahren wie RSA oder ECC (Elliptic Curve Cryptography) sichern in der Industrie heute Zertifikate, Firmware-Updates und Maschinenidentitäten. Ein leistungsfähiger Quantencomputer könnte diese Verfahren brechen. Wann es so weit ist, bleibt umstritten. Durch „Harvest now, decrypt later“ beginnt das Risiko jedoch schon heute: Angreifer können verschlüsselte Daten jetzt abfangen, speichern und später entschlüsseln. Betroffen sind etwa Konstruktionsdaten, Firmware-Signaturen und Zugangsschlüssel zu Industrieanlagen.

Die entscheidende Frage für Hersteller lautet deshalb nicht, wann der Quantencomputer kommt, sondern wie lange die heutige Kryptografie noch sicher sein muss. Bei einer Produktlaufzeit von etwa 20 Jahren heißt die Antwort: mindestens bis Mitte der 2040er Jahre. Dass das Risiko näher rückt, zeigen führende Technologiekonzerne: Google hat seine eigene PQC-Migrationsfrist von ursprünglich 2031 bis 2035 auf 2029 vorgezogen, und IBM erwartet einen fehlertoleranten Quantencomputer für das Jahr 2029.

Welche Rolle spielen der Cyber Resilience Act und NIS2?

Mit der NIS2-Richtlinie und dem Cyber Resilience Act (CRA) der EU wird IT- und OT-Sicherheit zur Haftungsfrage für die Unternehmensleitung. Der CRA verpflichtet Hersteller vernetzter Produkte, die Cybersicherheit über den gesamten Produktlebenszyklus zu gewährleisten. Wer langlebige Steuerungssysteme oder IoT-Geräte anbietet, deren Kryptografie sich im Feld nicht quantensicher nachrüsten lässt, riskiert laut Tamer Kemeröz künftig Vertriebsverbote im EU-Binnenmarkt und Bußgelder. Nach Einschätzung der MTG AG wird PQC für langlebige Industrieprodukte damit faktisch zur Compliance-Vorgabe.

Welche Standards für Post-Quanten-Kryptografie gibt es bereits?

Post-Quanten-Kryptografie ist bereits standardisiert und im Einsatz. Das US-amerikanische National Institute of Standards and Technology (NIST) hat 2024 die ersten PQC-Standards veröffentlicht: ML-KEM (FIPS 203) für den Schlüsselaustausch sowie ML-DSA (FIPS 204) und SLH-DSA (FIPS 205) für digitale Signaturen. Google setzt PQC bereits in Chrome und in der eigenen Cloud ein und integriert PQC-Signaturen in Android 17. In Deutschland arbeitet die MTG AG gemeinsam mit dem BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) und weiteren Industriepartnern an Standards für quantensichere E-Mail-Verschlüsselung. Ein Ergebnis ist die PQC-Erweiterung von OpenPGP, die als Internet-Standard RFC 9980 veröffentlicht wurde.

Warum ist PQC in der Industrie eine Frage der PKI-Architektur?

Bei Post-Quanten-Kryptografie in der Industrie geht es neben verschlüsselter Kommunikation vor allem um Identität: Woher weiß eine Steuerung, dass ein Firmware-Update wirklich vom Hersteller stammt? Secure Boot, Firmware-Signierung, Geräte-Zertifikate und die Authentifizierung im Feldbus beruhen auf Public-Key-Infrastrukturen (PKI). Ist das kryptografische Fundament einer PKI angreifbar, ist die gesamte Vertrauenskette betroffen, bis hin zu Geräten, die vor Jahren ausgeliefert wurden. PQC ist damit kein reines Kryptografie-Update, sondern eine Frage der kompletten PKI-Architektur.

Was ist Krypto-Agilität und warum brauchen Hersteller sie?

Krypto-Agilität ist die Fähigkeit eines Systems, kryptografische Algorithmen, Schlüssel und Zertifikate schnell und ohne Systembrüche auszutauschen. Wird diese Austauschbarkeit nicht schon beim Produktdesign angelegt, ist ein späteres Nachrüsten auf PQC kaum möglich. In der Industrie ist das anspruchsvoll: Steuerungen sind teils nur eingeschränkt erreichbar, bei IoT-Geräten muss jedes Gerät mit eigenem Zertifikat migriert werden, und kleine Chips mit wenigen Kilobyte Speicher stoßen bei den deutlich größeren PQC-Schlüsseln und -Signaturen an Speichergrenzen.

Was sollten Hersteller jetzt tun?

Für Tamer Kemeröz ist PQC in der Industrie zunächst eine Planungsaufgabe. Er empfiehlt drei erste Schritte:

  • Bestand erfassen: Wo im Portfolio wird welche Kryptografie eingesetzt, und mit welcher erwarteten Lebensdauer?
  • PKI prüfen: Welche PKI- und Zertifikatsstrukturen liegen zugrunde, und sind Wurzelzertifikate und Firmware-Signierung krypto-agil ausgelegt?
  • Hybrid testen: Bei Neuentwicklungen klassische und PQC-Algorithmen parallel implementieren (hybride Kyrptografie).

Ein früher Start entscheidet darüber, ob die Migration in Ruhe geplant werden kann oder später unter Zeitdruck erfolgen muss.

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Den vollständigen Fachbeitrag lesen Sie im Industrial Explorer. Sie haben Fragen zur PQC-Migration? Sprechen Sie uns an.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum ist Post-Quanten-Kryptografie für die Industrie besonders relevant?

Industrielle Steuerungen und Maschinen bleiben oft Jahrzehnte im Einsatz. Eine Steuerung, die heute verbaut wird, kann noch 2056 in Betrieb sein. Ihre Kryptografie muss deshalb auch dann noch sicher sein, wenn leistungsfähige Quantencomputer heutige Verfahren wie RSA oder ECC brechen könnten.

Was bedeutet „Harvest now, decrypt later“?

Bei „Harvest now, decrypt later“ werden Daten bereits heute abgefangen und gespeichert, um sie später mit einem leistungsfähigen Quantencomputer zu entschlüsseln. Das Risiko beginnt deshalb nicht erst, wenn ein solcher Quantencomputer verfügbar ist, sondern schon heute.

Was hat der Cyber Resilience Act mit Post-Quanten-Kryptografie zu tun?

Der Cyber Resilience Act (CRA) verpflichtet Hersteller vernetzter Produkte, die Cybersicherheit über den gesamten Produktlebenszyklus zu gewährleisten. Nach Einschätzung der MTG AG wird Post-Quanten-Kryptografie bei langlebigen Industrieprodukten damit faktisch zur Compliance-Vorgabe in der Produktentwicklung.

Was bedeutet Krypto-Agilität?

Krypto-Agilität ist die Fähigkeit eines Systems, kryptografische Algorithmen, Schlüssel und Zertifikate schnell und ohne Systembrüche auszutauschen. In der Industrie ist das besonders anspruchsvoll, weil Steuerungen teils nur eingeschränkt erreichbar sind und viele Geräte einzeln migriert werden müssen.

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